Facetten des Niederdeutschen

Schnipsel


Böhnhaas, böhnhasen


Bis zur Einführung der Gewerbefreiheit in Norddeutschland im Gefolge der Französischen Revolution (in Preußen durch die Stein-Hardenbergschen Reformen von 1810) herrschte das Zunftwesen. Es schrieb genau vor, wer ein Gewerbe betreiben durfte und damit auch, dass es allen anderen verboten war.
Wer es trotzdem wagte, musste es heimlich tun. Besonders "unzünftige" Schneider zogen sich auf den Dachboden, plattdeutsch "Böhn", zurück. Sie lebten furchtsam "wie die Hasen". Den "unzünftigen" Handwerker nannte man deswegen scherzhaft "Böhnhaas, Böhnhase".
Das Wort war in ganz Norddeutschland verbreitet, z.B. hieß es in den Artikeln des Kieler Böttcheramtes im 17. Jh., dass Waren beschlagnahmt werden könnten, die von Frembden Bödekern oder sonsten Bönhasen stammten (nach Mensing I, Sp. 478).
Das Wort drang auch ins Hochdeutsche ein, wurde selbst in Süddeutschland und Österreich verwendet, z. B. in der Form "Bühnhase".
"Böhnhaas, Böhnhase" bedeutete auch "Pfuscher", weil die Qualität der Arbeit nicht an die des zünftigen Meisters heranreichte. Das Verb böhnhasen bezeichnete sowohl die Tätigkeit des Böhnhasen, wie auch die Haussuchung nach "unzünftigen" Handwerkern, beziehungsweise "das Handwerk legen" selbst.
Der Begriff wurde scherzhaft ausgedehnt auf die Katze, den Speicherarbeiter, den Schornsteinfeger, Kornhändler, einen schmächtigen Jungen, den Ehebrecher usw.

Das Wort ist in allen alten (und großen neuen) niederdeutschen Wörterbüchern verzeichnet, vgl. Digitales Wörterbuch Niederdeutsch (dwn)

Hochdeutsch: vgl. Grimm: Deutsches Wörterbuch (DWB), Bd. II (1860), Sp. 237 und Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1905, S. 201